Ein Sommer unter Spannung
Die Hitzewelle lässt nicht nur das Thermometer steigen, sondern bringt auch den Strommarkt unter Spannung. In Europa steigt die Nachfrage durch den massiven Einsatz von Klimaanlagen, während bestimmte Produktionsprozesse durch die Hitze beeinträchtigt werden. Die Folge: Die Preise an den Märkten schiessen zeitweise in die Höhe. Ein Einblick mit Florent Plancherel, Trader bei Groupe E.
Was passiert gerade auf dem Strommarkt?
Die Preise steigen deutlich an, vor allem am Abend. Der Grund ist einfach: Der Verbrauch steigt durch den Einsatz von Klimaanlagen, während bestimmte Produktionszweige unter Druck geraten. Frankreich ist besonders betroffen, da dort die Stromnachfrage hoch ist und die Kernenergieproduktion zurückgeht. Die Schweiz und Deutschland folgen dem gleichen Trend, allerdings in geringerem Masse.
Auf welchem Niveau liegen die Preise?
Sie liegen deutlich über dem üblichen Niveau. In den letzten Tagen bewegten sich die Preise zwischen 100 und 150 Euro pro Megawattstunde, gegenüber normalerweise eher 60 bis 90 Euro. Abends, zu den Verbrauchsspitzen, können sie sogar mehrere hundert Euro pro Megawattstunde erreichen.
Warum steigen die Preise vor allem abends so stark an?
Weil die Solarenergie am Ende des Tages weniger Strom produziert, während die Nachfrage weiterhin hoch ist. Durch die Hitze verlieren die Photovoltaikmodule tagsüber zudem einen Teil ihres Wirkungsgrads. Hinzu kommt eine geringe Windenergieproduktion in Deutschland. Um den Abendverbrauch zu decken, muss daher verstärkt auf europäische thermische Kraftwerke zurückgegriffen werden, die mit Gas, Kohle oder Öl betrieben werden. Diese treiben die Preise in die Höhe.
Droht der Schweiz ein Stromengpass?
Nein, die Versorgung ist weiterhin gesichert. Die Schweiz ist sehr gut an ihre europäischen Nachbarn angebunden und kann bei Bedarf Strom importieren. Das hat sich in diesem Frühjahr gezeigt, als die Kernkraftwerke Leibstadt und Gösgen gleichzeitig stillstanden: Das Land konnte die benötigte Energie importieren, ohne dass es zu Versorgungsengpässen kam.
Was ist dann das grösste Risiko?
Das Risiko ist vor allem finanzieller Natur. Wenn unter den derzeitigen Umständen ein Grossteil der Kernkraftwerke in der Schweiz oder in Frankreich abgeschaltet werden müsste, müsste mehr Strom importiert werden – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Preise sehr hoch sind. Strom wäre zwar verfügbar, würde aber auf den kurz- und mittelfristigen Märkten deutlich teurer sein.
Sind die Staudämme der Groupe E die Lösung für unser Problem?
Nur teilweise, da die Situation je nach Anlage unterschiedlich ist. Die hochgelegenen Anlagen, die durch die Schneeschmelze und Gletscherschmelze gespeist werden, produzieren derzeit viel Strom. Dagegen sind die tiefer gelegenen Laufwasserkraftwerke stärker von der geringen Schneedecke des vergangenen Winters und dem Niederschlagsmangel der letzten Wochen betroffen.
Zudem ist zu bedenken, dass das Wasser aus den Stauseen nicht jederzeit uneingeschränkt turbiniert werden kann. Bei der Bewirtschaftung von Stauseen wie denen von Gruyère oder Schiffenen muss die Energieerzeugung mit dem Schutz der Artenvielfalt und der Wasserfauna .in Einklang gebracht werden.
Werden die Kunden mehr für ihren Strom bezahlen?
Nicht automatisch. Für Kunden auf dem freien Markt hängt alles von der Art des Vertrags ab. Die meisten sind vor sofortigen Preiserhöhungen geschützt, da ihre Preise festgeschrieben oder über einen Zeitraum von einem bis drei Jahren geglättet sind. Nur Kunden, deren Vertrag direkt an den Tagesmarkt gekoppelt ist, spüren den aktuellen Anstieg unmittelbar.
Langfristig hängen die Preise weniger vom Wetter als vielmehr vom geopolitischen und makroökonomischen Umfeld ab, das das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bestimmt, . Der beste Schutz für Unternehmen besteht weiterhin darin, ihre Einkäufe zu diversifizieren und zeitlich zu strecken.
Und die Solarenergie?
Die Solarenergie nimmt im Schweizer Strommix einen immer grösseren Platz ein, löst aber nicht alle Probleme, da sie vor allem zur Mittagszeit Strom produziert – manchmal sogar im Übermass –, wenn die Nachfrage geringer ist. Deshalb muss ihr Ausbau mit mehr Flexibilität einhergehen, insbesondere durch Batterien, sowie mit anderen Erzeugungsquellen wie der Windenergie. Es gilt, das gesamte Energiesystem zu stärken.