Die Kohlenstoffbilanz ist kein Leichtgewicht!
Im zweiten Beitrag schauen wir uns an, was sich hinter einer Kohlenstoffbilanz verbirgt, wie unsere Treibhausgasemissionen berechnet werden und welche Auswirkungen dies auf Groupe E hat. Alexandre Bouchet, Spezialist für nachhaltige Entwicklung, verschafft uns einen Überblick.
«Die Kohlenstoffbilanz ist kein Leichtgewicht!» weil …?
... sie genauso wichtig ist wie die finanzielle Bilanz eines Unternehmens, die die Geldeingänge und -ausgänge verzeichnet. Bei der Kohlenstoffbilanz entsprechen die Eingänge den Aktivitäten und die Ausgänge den Treibhausgasemissionen (THG). Die Bilanz misst alle Aktivitäten – zurückgelegte Kilometer, verbrauchte Energie, getätigte Einkäufe etc. – und verbucht deren «versteckte Kosten» in Form von THG. Bei Groupe E lag die Kohlenstoffbilanz im Jahr 2025 bei rund 470 000 Tonnen CO₂-Äquivalenten, was den Emissionen der Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Freiburg entspricht. Die Bilanz ist also kein Leichtgewicht, zumal die Berechnung dieser Zahl ein komplexer Prozess ist.
Wie funktioniert das?
Die Kohlenstoffbilanz eines Unternehmens ist vergleichbar mit der eines Hauses. Um sie besser berechnen zu können, erfolgt eine Gliederung in drei Teile:
«Scope 1» entspricht dem, was direkt zu Hause geschieht. Dabei handelt es sich um die sichtbaren Emissionen, die aus dem Kamin kommen, vom Heizkessel oder vom Feuer im Ofen erzeugt werden.
«Scope 2» deckt die Energie ab, die im Haus verbraucht wird, aber an anderer Stelle erzeugt wird. Hierzu gehört beispielsweise der Strom, den wir täglich verbrauchen und dessen Emissionen im Kraftwerk unseres Lieferanten entstehen.
«Scope 3» umfasst schliesslich alles Sonstige, was das Haus betrifft: die Herstellung von Möbeln, Ausstattungen oder Materialien, die anderswo produziert wurden, bevor sie zu uns kommen. Das sind die unsichtbaren, aber oft überwiegenden «grauen Emissionen», die mit unserem gesamten Lebensstil und in diesem Fall mit der Wahl unseres Hauses verbunden sind.
Warum benötigt Groupe E eine Kohlenstoffbilanz?
Die Schweiz muss die Treibhausgasemissionen (THG) rasch reduzieren, um die schlimmsten Szenarien des Klimawandels abzuwenden. Die Kohlenstoffbilanz ist dabei das wichtigste Instrument, da sie für Glaubwürdigkeit und Gesetzeskonformität sorgt. Sie ermöglicht es, die Schwankungen der Emissionen zu erkennen und zu ermitteln, welche Massnahmen ergriffen werden können und wie sich diese auswirken werden.
Was ist am einfachsten zu messen, und was am schwersten?
Bestimmte Daten sind sehr präzise. Der Strom- oder Treibstoffverbrauch lässt sich direkt den Rechnungen entnehmen. Andere Verbräuche lassen sich schwerer abschätzen. Die Emissionen im Zusammenhang mit Lieferanten oder Pendlerverkehr beruhen häufig auf Modellen oder Durchschnittswerten. Eine besondere Herausforderung für Groupe E sind daher die Daten-Governance und -Qualität, die eine Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg erfordern.
Wozu dient die Kohlenstoffbilanz nach ihrer Erstellung?
Da mit der Kohlenstoffbilanz die wichtigsten THG-Quellen ermittelt werden, ist sie eine nützliche Entscheidungshilfe. Ich möchte Ihnen einige Dekarbonisierungsmassnahmen bei Groupe E vorstellen. Im Bereich Mobilität werden wir die Antriebsarten und die zurückgelegten Kilometer pro Fahrzeug analysieren und anschliessend die Dekarbonisierungsmöglichkeiten durch Verringerung der Anzahl der für die Mobilität benötigten Fahrzeuge ermitteln. So haben wir bereits 34 Prozent der Personenwagen elektrifiziert und streben bis 2027 40 Prozent an.
Eine weitere Massnahme ist die Senkung des internen Energieverbrauchs. Von 2023 bis 2025 können wir einen Rückgang von 19% verzeichnen, unter Ausschluss von Energieerzeugung und -verteilung. Zudem haben wir die IT-Hardware optimiert und die Lebensdauer der Geräte verlängert (bei bestimmten Bildschirmen auf bis zu sieben Jahre).
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Begleitung unserer Kundinnen und Kunden bei ihrer eigenen Dekarbonisierung. Im Jahr 2025 wurden über 90 B2B-Kunden dabei unterstützt.
Wie lassen sich die jährlichen Schwankungen der Emissionen erklären?
Groupe E spielt eine aktive Rolle bei der Energiewende (Wärmenetze, Produktion aus erneuerbaren Energien, Infrastrukturen). Bestimmte Tätigkeiten können die Emissionen von Groupe E kurzfristig unweigerlich erhöhen. Gleichzeitig ermöglichen sie es aber auch, Emissionen auf gesellschaftlicher Ebene zu vermeiden:
- 140 920 Tonnen CO₂-Einsparung durch Fernwärmenetze
- 23 288 Tonnen CO₂-Einsparung durch Wasserkraft
Es geht darum, die eigenen Auswirkungen zu reduzieren und gleichzeitig die positive Gesamtauswirkung zu maximieren.
Welche Herausforderungen für die Kohlenstoffbilanz von Groupe E?
Die indirekten Emissionen sind aus meiner Sicht am schwierigsten zu messen, da wir auf die Verfügbarkeit und Qualität der von unseren Partnern und Lieferanten generierten Daten angewiesen sind. Die Verbesserung der Zuverlässigkeit beruht schliesslich auf einer bereichsübergreifenden Zusammenarbeit, die alle Akteure der Wertschöpfungskette einbezieht.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass mitunter nicht alle Unternehmen die gleichen Annahmen oder Daten verwenden, um die Kohlenstoffbilanz zu ermitteln. Hier besteht noch Harmonisierungsbedarf zwischen Akteuren derselben Branche. So hat beispielsweise der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen einen Leitfaden für die Branche herausgegeben.
Reichen Zahlen aus, um etwas in Bewegung zu setzen?
Das Wichtigste ist nicht die Berechnung, sondern die Umsetzung in der Praxis. Die Veränderung unserer Gewohnheiten und Verhaltensweisen ist entscheidend für die Reduzierung von Emissionen.
Wie wird man Spezialist für Nachhaltigkeit?
Ich würde sagen, man muss den Dingen gern auf den Grund gehen, neugierig sein und wissen, wie man Zusammenhänge herstellt. Zunächst kann man Erfahrungen in den Bereichen Ingenieurwesen, Kommunikation, Recht oder Strategie sammeln und dann die für Nachhaltigkeit notwendige systemische Sichtweise entwickeln. In meinem Studium gab es keine speziellen Kurse, ich habe bei der Arbeit gelernt. Heute gibt es immer mehr zertifizierende Ausbildungen.
Ich fühle mich wie ein Pilger, der trotz Umwegen und Höhenmetern das Ziel im Auge behalten muss.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Er ist von konkreten Dingen geprägt, um schrittweise eine umfassendere Sichtweise zu entwickeln. Ich setze Tools ein und betreue Teams und Projekte bei der Umsetzung konkreter Massnahmen. Ich entwickle Methodiken und Berechnungen und konzipiere ganzheitliche Strategien. Dafür benötige ich den Austausch mit den Teams, die Analyse- und Konsolidierungsarbeit sowie den Dialog mit den verschiedenen Ausschüssen und Instanzen von Groupe E. Zudem führe ich Sensibilisierungsworkshops für meine Kolleginnen und Kollegen durch und tausche mich intensiv mit Fachkräften aus anderen Unternehmen aus.
Was ist der komplexeste Teil Ihres Berufes?
Meiner Meinung nach liegt die Komplexität in der Vielfalt der Aufgaben und Interaktionen, in der Kunst, auf der richtigen Ebene Einfluss zu nehmen, um Dinge voranzubringen, und in der Übertragung der ökologischen und sozialen Herausforderungen in finanzielle Auswirkungen. Ich schreite wie ein Pilger voran und bleibe trotz Umwegen auf Kurs.
Und wann denken Sie: «Okay, das ist wirklich hilfreich»?
Wenn neben der reinen Finanzlogik auch andere Aspekte berücksichtigt werden. Meiner Ansicht nach müssen strategische Entscheidungen oder Investitionsentscheidungen auch auf deren Grundlage getroffen werden. Ich freue mich über fundierte und bewusste Entscheidungen, die der systemischen Tragweite von Nachhaltigkeit gerecht werden.
Wie erstellt man als Person seine Kohlenstoffbilanz?
Eine individuelle Kohlenstoffbilanz kann beispielsweise auf der Website von Footprint-Rechner | WWF Schweiz oder CarbonFri CO2-Rechner) erstellt werden.
«Nachhaltigkeit bei Groupe E – ganz konkret»
Diesen Sommer veröffentlichen wir eine Blog-Reihe, die unsere konkreten Nachhaltigkeitsinitiativen in den Fokus stellt. Im nächsten Beitrag schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Von Bertrand Rey erfahren Sie, wozu Kiesschüttungen und künstliche Hochwasser dienen, und nach den Erläuterungen von Albert Vonlanthen werden Sie die Vielfalt von Blumenwiesen zu schätzen wissen.
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