Nachhaltigkeit – womit fangen wir an?

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Doch bei Klima, CSR, ESG oder Kohlenstoffbilanz kann man schnell den Überblick verlieren. In dieser ersten Folge sorgt Jean-Yves Deru, Leiter Sicherheit, Qualität und Umwelt, für Klarheit und erklärt, warum Nachhaltigkeit bei Groupe E nicht einfach nur ein weiteres Label ist, sondern ein Konzept, das unsere Entscheidungen, unsere Investitionen und unser Handeln im Alltag leitet.

Jean-Yves, was bedeutet Nachhaltigkeit genau?

Ganz einfach: Nachhaltigkeit bedeutet, heute so zu handeln, dass morgen nicht allzu viele Probleme entstehen. Es geht also darum, Bereiche wie Produktion, Konsum, Bau, Fortbewegung oder Investition mit Blick auf die langfristigen Folgen – für die Umwelt, für die Menschen und für das Unternehmen selbst – auszurichten. Fortschritte zu erzielen, ohne die Rechnung der nächsten Generation zu überlassen.

Dieses Konzept in einem Wort zu beschreiben, ist jedoch schwierig, da es mehrere Aspekte und Interpretationen umfasst. Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der folgende drei Schwerpunkte miteinander verbindet: wirtschaftliche Leistung, Kontrolle der Umweltauswirkungen und soziale Verantwortung. Ziel ist es, diese drei Dimensionen zusammenzuführen, um die dauerhafte Relevanz der einzelnen Aspekte sicherzustellen. 

Frontalaufnahme von Jean-Yves Deru

Auch wenn einzelne Massnahmen eine begrenzte Tragweite zu haben scheinen, erzielen sie in Summe doch eine signifikante Wirkung.

Häufig ist auch die Rede von CSR und ESG. Was bedeuten diese Begriffe?

CSR steht für die soziale Verantwortung von Unternehmen. Kurz gesagt, die Art und Weise, wie ein Unternehmen – von seinen finanziellen Ergebnissen abgesehen – mit seinen Auswirkungen auf Gesellschaft, Umwelt, Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden sowie Partner umgeht. ESG beschreibt einen weiteren Blickwinkel: E steht für Environment (Umwelt), S für Social (Soziales), G für Governance (Unternehmensführung). Anhand dieser drei Dimensionen lässt sich die sogenannte «extra‑finanzielle» Leistung messen, also alles, was sich aus den wirtschaftlichen Ergebnissen nicht oder nur teilweise ablesen lässt. Es kommt nicht mehr nur darauf an, ob Geld verdient wird, sondern auch darauf, wie es verdient wird.

Es handelt sich dabei also nicht um ein weiteres Modewort, sondern um eine ganzheitlichere Art und Weise der Leistungsmessung. 

Was meint man bei Groupe E, wenn man von «Nachhaltigkeit» spricht?

Nachhaltigkeit bildet bei uns nicht nur einen theoretischen Rahmen, sondern zählt seit langer Zeit zu unseren Werten. Sie spiegelt sich bereits in ganz konkreten Projekten wider. 2025 hat Groupe E beispielsweise ihre Strategie zur Dekarbonisierung ihrer Aktivitäten und zur Digitalisierung verstärkt, insbesondere mit Smart Metering und intelligenten Infrastrukturen zur Verbrauchsoptimierung und Netzstabilisierung. Ende 2025 waren über 169 000 intelligente Zähler bei den Kundinnen und Kunden installiert. 

Warum aber einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen?

Weil Verpflichtungen heute dokumentiert, überwacht und sichtbar gemacht werden müssen. Seit 2023 veröffentlicht Groupe E diesen Bericht gemäss den Vorgaben des Obligationenrechts (Artikel 964a ff.). Der Bericht ermöglicht es, Fortschritte, aber auch Herausforderungen, Abweichungen und künftige Prioritäten aufzuzeigen.

Welche Pflichten hat Groupe E angesichts des Klimawandels? 

Wir müssen uns an den im Klima- und Innovationsgesetz (KlG) festgehaltenen Zielen des Bundes ausrichten, wonach wir als bundesnahes Unternehmen unsere Nettoemissionen möglichst bis 2040 und spätestens bis 2050 auf null senken sollen. Das heisst im Klartext: morgen.

Zudem sind wir verpflichtet, die Entwicklungen der kantonalen Klimapläne der Regionen, in denen wir agieren, sowie die Empfehlungen zur Dekarbonisierung der Aktivitäten der Energiebranche zu berücksichtigen.

Auch unsere Kundinnen und Kunden benötigen diese Informationen häufig, um ihre eigene Kohlenstoffbilanz zu erstellen oder ihren Emissionsminderungspfad zu definieren. Wir verfügen über 16 Expertinnen und Experten, die für die Durchführung von Energieaudits und die Erstellung von Dekarbonisierungsplänen geschult wurden, und haben über 90 B2B-Kunden bei der Erneuerung ihrer Zielvereinbarungen unterstützt.

Ist die Nachhaltigkeitsstrategie vor allem eine Klimastrategie?

Das Klima ist ein zentraler Pfeiler, ja. Die Klimastrategie der Gruppe zielt unter anderem darauf ab, die Treibhausgasemissionen ohne Berücksichtigung von Energieerzeugung und -verteilung bis Ende 2026 um 15 Prozent zu reduzieren und den Energieverbrauch in letztgenanntem Bereich um 10 Prozent zu senken. 

Unser Klimafahrplan basiert auf der Festlegung eines CO2-Budgets, d. h. der Menge an Emissionen, die unser Unternehmen bis zum Zieldatum 2050 noch «ausgeben» kann. 

Auf der Grundlage dieses Budgets können wir unsere Massnahmen entsprechend planen. Ziel ist es, Klimaneutralität zu erreichen, d. h. unser CO2-Budget so ausgewogen zu gestalten, dass wir die festgelegten Grenzwerte nicht überschreiten.

Funktioniert das CO2-Budget wie ein Haushaltsbudget?

Ja, das ist die Idee, aber mit einer Laufzeit von über 20 Jahren. Nehmen wir an, wir hätten bis 2050 einen bestimmten Vorrat an Nahrungsmitteln. Jedes Mal, wenn wir etwas essen, verkleinern wir unseren Vorrat im Wissen, dass die vorhandene Nahrung nach 2050 nicht mehr verfügbar sein wird und wir es nicht bis 2050 schaffen, wenn wir in den nächsten Jahren zu viel essen. Es gilt also, andere Kalorienquellen aufzutun, sonst droht schnell die Zwangsdiät. 

Auf Ebene des Unternehmens müssen wir zum einen seine Emissionen senken und dabei sicherstellen, dass das Budget bis 2050 nicht überschritten wird, und zum anderen alternative Möglichkeiten entwickeln, um seine Aktivitäten über diesen Zeitpunkt hinaus entspannt fortsetzen zu können.

Was ist das Besondere an der Energiebranche?

«Nur» unsere Emissionen zu reduzieren, reicht nicht. Wir müssen auch den Übergang von der Dekarbonisierung auf die Nutzung neuer Energiequellen antizipieren. Dazu gehören die Elektrifizierung von Anwendungen und die Entwicklung erneuerbarer Alternativen. Zudem gilt es, unsere Kundinnen und Kunden dabei zu unterstützen, Energie effizienter und sparsamer zu verbrauchen. 

Welche Aspekte werden für das Gelingen ausschlaggebend sein?

Die eigentliche Herausforderung ist nicht nur technischer, sondern auch kultureller Natur. Die Energiewende nur mit Maschinen, Sensoren oder neuen Anlagen schaffen zu wollen, wäre illusorisch. Die Problematik knapper Ressourcen wird weiterhin bestehen bleiben. Früher oder später gilt es, auch Gewohnheiten, Abwägungen, Verhaltensweisen und die Entscheidungsfindung zu überdenken. Dann wird Nachhaltigkeit zu einem Unternehmensthema im weiteren Sinne.

Was ist die grösste Herausforderung für ein Unternehmen?

Das Gleichgewicht zwischen den drei Schwerpunkten der Nachhaltigkeit zu wahren. Das ist konzeptionell ziemlich einfach, kompliziert in der Umsetzung und sehr komplex in der Strategie. Langfristig ist der Ansatz, Workarounds zu finden, um Energie unverändert verbrauchen zu können, nicht haltbar. Dieser Komplexität müssen wir Rechnung tragen. 

Wie lässt sich vermitteln, dass Leistung in Bezug auf Nachhaltigkeit genauso wichtig ist wie auf wirtschaftlicher Ebene?

Die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsleistung sind weniger unmittelbar spürbar als die Auswirkungen finanzieller Leistung. Sie wird vom internen, externen, wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld beeinflusst. An Musterbeispielen auf unternehmerischer, politischer und globaler Ebene mangelt es derzeit noch.

Um überzeugen zu können, muss es gelingen, die positiven langfristigen Auswirkungen aufzuzeigen. Dazu gilt es, uns bei unseren Investitionen flexibel zu zeigen, rasch zu handeln oder die Umsetzung unserer Ambitionen je nach Kontext hinauszuzögern. Sicher ist: Auch wenn einzelne Massnahmen eine begrenzte Tragweite zu haben scheinen, erzielen sie in Summe doch eine signifikante Wirkung. 

In welcher Rolle sehen Sie sich im Alltag? 

In der Rolle eines Wanderers in Eile, der sich seinem Ziel zu nähern glaubt, aber immer wieder mit neuen Hügeln auf seinem Weg konfrontiert ist. Der Weg mag schön sein, dennoch möchte er gern am Ziel ankommen. Wir folgen hier zu oft noch der Logik der finanziellen Amortisation anstatt der Logik der klimatischen Amortisation. 

 «Mythos vs. Realität»: Nachhaltigkeit – welcher landläufigen Meinung möchten Sie entgegentreten?

Dem Mythos «Mein Handeln ist sinnlos, wenn die grössten Emittenten nichts unternehmen». Darauf zu warten, dass andere anfangen, ist der beste Weg, nichts zu ändern. Der Wandel findet auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt: staatliche Politik, grosse Infrastrukturen, Unternehmen, Gebietskörperschaften, Gebäude und alltägliche Nutzung. Gebündelt führen diese Massnahmen letztlich zu ganz konkreten Auswirkungen.

Ihr «Top-Tipp» für den Start: Welche Massnahme lässt sich leicht und von allen umsetzen?

Meinen Kolleginnen und Kollegen rate ich: Bilde dich in unseren verschiedenen Modulen zum Thema Nachhaltigkeit weiter. Das ist der beste Weg, um den Dingen auf den Grund zu gehen und in deinem beruflichen oder privaten Alltag die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und an die Leserinnen und Leser:  In diesem Blog erhalten Sie einen Überblick darüber, was bei Groupe E unternommen wird. So können Sie sich besser mit dem Thema Nachhaltigkeit vertraut machen.

«Nachhaltigkeit bei Groupe E – ganz konkret»
Diesen Sommer lancieren wir eine Blog-Reihe, die unsere konkreten Nachhaltigkeitsinitiativen im Alltag beleuchtet. In der nächsten Folge werden wir uns mit einem ganz konkreten Indikator befassen, mit der Kohlenstoffbilanz. Wie wird sie berechnet? Wozu dient sie wirklich? Abonnieren Sie sich!
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