Eine ganz besondere Blumenwiese
Die Blumenwiese rund um das Plexus-Gebäude am Hauptsitz von Groupe E in Granges-Paccot ist ein Musterbeispiel für Biodiversität. Feldthymian, wogende Gräser, Salbei und violette Flockenblume – eine vielfältige Nahrungsquelle für bestäubende Insekten und Vögel. Albert Vonlanthen, Leiter Wälder und Gelände DEL, kümmert sich mit grosser Sorgfalt um diese Wiese. Er erläutert uns das Konzept.
«Früher war ich selbst ein Verfechter eines kurz geschnittenen, grünen Rasens, aber meine Sichtweise hat sich geändert. Ich musste an mir arbeiten, um die Schönheit einer Blumenwiese zu erkennen. Man muss lernen, das Innenleben einer Wiese zu betrachten und wertzuschätzen. In einer solchen Wiese rührt sich immer etwas: Insekten, Schmetterlinge, ... Sie ist lebendig, vielfältig, detailreich und lädt dazu ein, zu beobachten, zu studieren und zu entdecken. Ein unaufhörliches Schauspiel!»
Ein Rasen ist im Vergleich zu einer Blumenwiese wie ein Fussballplatz ohne Spieler. Es gibt nichts zu sehen, nichts zu beobachten.
Die Wiese im Rhythmus der Jahreszeiten
Eine Blumenwiese ist ein vielfältiges und dynamisches Ökosystem, das von den Jahreszeiten geprägt ist. «Es ist wichtig, sie das ganze Jahr über zu würdigen, nicht nur, wenn sie ihre volle Blütenpracht entfaltet», betont Albert. Im Frühling spriessen die ersten Blüten und locken bestäubende Insekten an. Im Sommer erreicht die Wiese mit einer grossen Vielfalt an Farben und Formen ihre Blütezeit. Am Ende der Saison produzieren die Pflanzen ihre Samen, die zu Boden fallen und für die natürliche Erneuerung der Wiese sorgen.
Der schlimmste Fehler
Wird zu früh gemäht, wird dieser Zyklus unterbrochen und die Pflanzen können ihre Fortpflanzung nicht abschliessen. Schiebt man das Mähen auf, können die Samen reifen, sich verteilen und so Jahr für Jahr den Fortbestand und die Vielfalt der Wiese gewährleisten. Eine Mahd im Juli schadet vor allem spätblühenden Arten wie Flockenblumen, Witwenblumen, Skabiosen oder Glockenblumen sowie einigen Orchideen und Bienentrachtpflanzen.
Eine Schatzkammer in unmittelbarer Nähe
Das Anlegen einer Wiese rund um einen Standort wie das Plexus-Gebäude schützt und fördert eine bemerkenswerte Biodiversität. Auf kleinem Raum lassen sich Dutzende, wenn nicht gar über 100 verschiedene Insekten- und Pflanzenarten beobachten, die für das natürliche Gleichgewicht unerlässlich sind. «Immer wieder kontaktieren uns Biologinnen und Biologen, die von der Vielfalt der Wiese schwärmen», berichtet Albert. Unter den Tierarten gibt es viele Wildbienen, die eine wichtige Rolle spielen. Im Gegensatz zu Honigbienen leben sie oft allein und nisten im Boden oder im Holz. Daneben gibt es weitere Bestäuber wie Hummeln, Schmetterlinge (Hauhechel-Bläuling, Tagpfauenauge, Zitronenfalter, Pieriden) und Schwebfliegen. Wichtige Bewohner sind zudem verschiedene Heuschreckenarten, Käfer (Marienkäfer, Goldkäfer), Wanzen und Spinnen, Ameisen und Regenwürmer, die den Boden bearbeiten. Die Blumenvielfalt ist für die Nahrungsaufnahme von Insekten und Vögeln von entscheidender Bedeutung. Am Plexus-Gebäude findet man Feldthymian, Salbei, Skabiosen, Margeriten, Klee, Schafgarbe. Der Distelfink mag die Samen der Flockenblume.
Rasen oder Wiese – was schneidet besser ab?
«Im Vergleich zur Blumenwiese ist ein Rasen wie ein Fussballplatz ohne Spieler oder ein Theater ohne Schauspieler: Es gibt nichts zu sehen, nichts zu beobachten. Eine Blühwiese sorgt für Lebendigkeit, ein Rasen nicht», betont Albert.
Lange Zeit galt ein absolut gleichmässiger, kurz getrimmter, ganzjährig grüner Rasen ohne jegliches «Unkraut» als Ideal bei der Pflege von Grünflächen. Diese Sichtweise, die auf eine streng kontrollierte Ästhetik setzt, wird den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. Angesichts der Herausforderungen in den Bereichen Umwelt, Klima und Biodiversität müssen wir unseren Ansatz weiterentwickeln. Ein zu perfekter Rasen erfordert intensive Pflege – häufiges Mähen, hoher Wasserverbrauch, Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – und bringt den Verlust von Artenvielfalt mit sich.
Naturbelassene Flächen mit verschiedenen Gräsern und seltener gemähten Bereichen fördern hingegen die Biodiversität und überstehen Trockenperioden besser. Albert bestätigt dies: «Eine Blumenwiese speichert mehr Frische als ein Rasen und wirkt damit Hitzeinseln entgegen.» Es entstehen zwar die gleichen Unterhaltskosten, aber die Vorteile liegen auf der Hand: mehr Nahrung, mehr Wildbienen, mehr Bestäubung und damit auch mehr Nahrung für uns Menschen.
Die Pflege von Grünflächen – Sichtweise ändern
Wir müssen verstehen, dass sich die Qualität einer Grünfläche nicht mehr nur an ihrem einheitlichen Erscheinungsbild misst, sondern vielmehr an ihrer Lebendigkeit und ihrer Ausgewogenheit. Einen weniger «perfekten» Rasen zu akzeptieren, ist eine verantwortungsvolle Entscheidung, die mit den heutigen und künftigen Umweltanforderungen in Einklang steht. Ein differenzierter und respektvollerer Umgang mit den Zyklen der Natur ermöglicht es, Ästhetik, Funktionalität und Ökologie miteinander in Einklang zu bringen. Gewisse Flächen erfordern jedoch noch eine spezielle Behandlung.
Fehlende Nahrungsquellen im Sommer
Das Insektenhotel bei Plexus gehört zum Konzept. Albert betont: «Wer über eine Blumenwiese verfügt, kann ein Insektenhotel aufstellen, aber nicht umgekehrt. Den Bienen helfen Blumenwiesen, die Ernährungslücke im Sommer zu schliessen. Denn wenn die Heuernte eingefahren ist, gibt es nicht mehr genug Nahrung. Deshalb ist es wichtig, Wiesen nicht gleichzeitig mit der Heuernte zu mähen.»
Entschlossen, aber behutsam Überzeugungsarbeit leisten
Albert übernahm 2019 das Team der Forstwarte mit dem Ziel, die Pflegemassnahmen zu ändern. Nun lassen seine Mitarbeitenden die Wiese länger wachsen, bevor sie zwei Mal im Jahr mähen. «Einige Ordnungsfans, die gerne behaupten, eine nicht gemähte Wiese sei das reinste Chaos, muss ich noch überzeugen. Das stimmt nämlich ganz und gar nicht!»
Groupe E als Bindeglied zur Natur
Albert ist überzeugt: «Mit ihrer 2000 m2 grossen Blumenwiese, die der Natur überlassen wird, präsentiert sich Groupe E als Bindeglied zur Natur.» Andere Bereiche am Standort Electrobroc und rund um das Forstzentrum in Hauterive werden auf dieselbe sanfte Weise bewirtschaftet. «Ich war freudig überrascht, auf welch natürliche Weise die Wiese bei der Druckleitung von Broc angelegt wurde. Wir haben noch Potenzial für mehr Blumenwiesen.»
Engagement auch zu Hause
«Auf meinen eigenen Wiesen versuche ich mich mit Wildbienen. Das Holz, das ich für diverse Bauten verwende, streiche ich nicht mehr. So können die Wildbienen mit ihren Unterkiefern kleine Holzfasern auskratzen und sie mit ihrem Speichel zu einem Teig kauen. Dieser wird verwendet, um das Loch, in dem sich ihre Larven befinden, zu verschliessen und zu schützen. Ich beobachte sie gern. Blumen mochte ich schon immer und ich erfreue mich an ihnen auch beim Spazierengehen in den Bergen. Die Natur bietet eine grosse Vielfalt, auch ohne menschliches Eingreifen.»
Wildbienen
- Sandbienen (Andrena): sehr häufig im Frühjahr vorkommende Erdbienen
- Mauerbienen (Osmia): nisten in Hohlräumen, sind früh in der Saison aktiv
- Furchenbienen (Halictus): kleine Bienen, oft metallisch grün
- Schmalbienen (Lasioglossum): sehr zahlreich und unauffällig
- Blattschneiderbienen (Megachile): Bienen, die Blätter schneiden
- Violettflügelige Holzbienen (Xylocopa violacea): seltener, aber spektakulär
Typische Wiesenblumen
- Magerwiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare)
- Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea)
- Acker-Witwenblume (Knautia arvensis)
- Wiesenklee (Trifolium pratense)
- Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus)
- Saat-Esparcette (Onobrychis viciifolia)
- Gewöhnliche Schafgarbe (Achillea millefolium)
- Spitzwegerich (Plantago lanceolata)
- Glockenblume (Campanula)
- Rotes Leimkraut, Traubenkopf-Leimkraut (Silene dioica, Silene vulgaris)
- Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare)
- Oregano (Origanum vulgare)
- Hahnenfuss (Ranunculus)
Hier geht es zum ersten Teil:
Revitalisierung der Kleinen Saane
Reihe «Nachhaltigkeit bei Groupe E – ganz konkret»
Diesen Sommer veröffentlichen wir eine Blog-Reihe, die unsere konkreten Nachhaltigkeitsinitiativen beleuchtet.
Die nächste Folge bietet ein Porträt von Muriel Maurer, Sicherheitsverantwortliche. Abonnieren Sie unseren Blog!
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